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Die Zukunft der Radioligandentherapie (RLT)
beim metastasierten Prostatakarzinom

Die Radioligandentherapie (RLT) revolutioniert die Präzisionsmedizin beim Prostatakarzinom.
Durch die Kombination aus zielgenauer molekularer Diagnostik und punktgenauer Bestrahlung
von innen werden Tumorzellen effektiv bekämpft.

Die Weiterentwicklung konzentriert sich aktuell besonders auf neue Strahler
(wie Actinium-225) und neue Zielstrukturen (Antigene),
um Resistenzen zu überwinden und auch kleinste Metastasen zu zerstören.

Die Zukunft der Radioligandentherapie beim Prostatakarzinom:
Neue Strahler, neue Ziele
und neue Hoffnung


Einleitung

Die Diagnose eines fortgeschrittenen Prostatakarzinoms erschüttert das Leben betroffener Männer und ihrer Familien zutieft und belastet nicht nur den Körper, sondern greift auch das seelische Gleichgewicht an. Die deutsche S3-Leitlinie zur Psychoonkologie betont in diesem Zusammenhang nachdrücklich, wie wichtig eine frühzeitige psychoonkologische Begleitung ist. Professionelle Gespräche fangen Ängste auf, stärken die seelische Widerstandskraft und stützen die Lebensqualität der Patienten während intensiver Krebstherapien. Lange Zeit standen Onkologen bei einem unaufhaltsamen Fortschreiten des Tumors vor allem klassische Säulen der Krebsmedizin zur Verfügung: der Hormonentzug, die Chemotherapie oder die äußere Bestrahlung. Wenn diese etablierten Verfahren ihre Wirkung verlieren, eröffnet eine revolutionäre Disziplin der Nuklearmedizin neue Wege: die Theranostik.

Dieses innovative Prinzip verbindet präzise Diagnostik und maßgeschneiderte Behandlung untrennbar miteinander unter dem Leitgedanken: „Sehen, was man behandelt, und behandeln, was man sieht“. Das Herzstück dieser Entwicklung bildet die Radioligandentherapie (RLT). Mediziner schleusen hierbei ein hochpräzises, „GPS-gesteuertes“ Medikament in die Blutbahn des Patienten. Dieses spürt Krebszellen und deren Absiedlungen im gesamten Körper selbstständig auf und vernichtet sie von innen heraus mit gezielter radioaktiver Strahlung, während es das gesunde Gewebe weitgehend schont.

Aktuell erlebt die Krebsmedizin einen tiefgreifenden technologischen Wandel. Während die erste Generation dieser RLT-Präparate bereits feste Plätze in den Behandlungsleitlinien besetzt, arbeitet die internationale Forschung an der Zukunft: Neue, noch schlagkräftigere radioaktive Strahler und völlig neuartige biologische Zielstrukturen versprechen, Therapieresistenzen zu brechen, Nebenwirkungen weiter zu minimieren und betroffenen Männern wertvolle Lebenszeit bei hoher Lebensqualität zu schenken.



Die Physik der Heilung: Neue Strahler und Zielstrukturen im Kampf gegen den Tumor

Das biologische Funktionsprinzip der zielgerichteten nuklearmedizinischen Krebstherapie beruht auf einem hocheffizienten Transportsystem. Ein Trägermolekül sucht im Körper nach einer ganz spezifischen Andockstelle auf der Oberfläche von Prostatakrebszellen. Das am häufigsten genutzte Ziel ist das PSMA (Prostataspezifische Membranantigen): Ein Eiweißmolekül, das vermehrt auf der Oberfläche von Prostatakrebszellen vorkommt und als präzise Andockstelle für moderne Krebsmedikamente dient. Das Trägermolekül besetzt diese Andockstelle wie ein Schlüssel das passende Schloss. Anschließend schleust die Krebszelle den gesamten Wirkstoffkomplex in ihr Inneres ein. Dort zerfällt der mitgeführte radioaktive Strahler und zerstört die Erbanlagen der Tumorzelle, was letztlich deren Absterben einleitet.

In der bisherigen klinischen Praxis koppeln Nuklearmediziner vor allem den Beta-Strahler Lutetium-177 an die PSMA-Sucher. Dieser Strahler sendet energiereiche Elektronen aus, die im Gewebe eine Reichweite von einigen Millimetern besitzen. Diese Reichweite erweist sich bei größeren Tumorherden als vorteilhaft, da die Strahlung auch benachbarte Krebszellen mit vernichtet, die selbst keine Andockstellen aufweisen. Bei winzigen Mikrometastasen führt diese Millimeter-Reichweite jedoch dazu, dass die Strahlung auch das direkt angrenzende gesunde Gewebe belastet. Zudem entwickeln manche Tumoren im Laufe der Zeit Resistenzen gegen Beta-Strahlen oder verlieren das PSMA-Eiweiß gänzlich.


Genau an diesen biologischen Grenzen setzen die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen an, die sich in drei große Innovationsfelder unterteilen:


  • Der Technologiesprung zu Alpha-Strahlern: Moderne Therapieverfahren nutzen vermehrt hochenergetische Alpha-Strahler wie Actinium-225 oder Blei-212. Alpha-Teilchen besitzen eine enorme Zerstörungskraft, entfalten ihre Wirkung jedoch auf einer extrem kurzen Strecke von nur wenigen Zelldurchmessern. Sie wirken wie ein mikroskopisch präzises Skalpell. Sie verursachen im Erbgut der Krebszelle irreparable Doppelstrangbrüche der DNA, die selbst strahlenresistente Tumorzellen sofort abtöten. Da die Strahlung nach wenigen Mikrometern stoppt, schont sie das direkt angrenzende gesunde Gewebe hocheffektiv. Das Isotop Blei-212 zeichnet sich zudem durch eine Besonderheit aus: Es zerfällt im Körper und fungiert dort als biologischer Generator für das extrem starke, alpha-strahlende Tochterelement Wismut-212. Mit einer praktischen Halbwertszeit von 10,6 Stunden erleichtert Blei-212 die Herstellung in den Kliniken erheblich und minimiert gleichzeitig die langfristige Strahlenbelastung des Patienten.

  • Kombinationsstrahler für maximale Präzision: Mit dem neuartigen Isotop Terbium-161 kombiniert die Wissenschaft die physikalischen Vorteile verschiedener Strahlungsarten. Terbium-161 sendet neben klassischer Beta-Strahlung auch sogenannte Auger- und Konversionselektronen aus. Diese ultrakurzen Strahlen entfalten ihre zerstörerische Kraft direkt im Zellkern der Krebszelle und eignen sich daher herausragend zur Bekämpfung von mikroskopisch kleinen Krebsabsiedlungen im Frühstadium.

  • Der Durchbruch der zielgerichteten Kupfer-Theranostik (Kupfer-67): Ein ganz neuer, hochinnovativer Ansatz nutzt das radioaktive Isotop Kupfer-67. Als kurzreichweitiger Beta-Strahler mit einer Halbwertszeit von 61,8 Stunden bietet er hervorragende physikalische Eigenschaften zur gezielten Zerstörung von Krebszellen. Das Besondere an dieser Plattform, die Mediziner als Targeted Copper Theranostics (TCT) bezeichnen, ist das perfekte Zusammenspiel zweier Kupfer-Geschwister: Während Nuklearmediziner das Isotop Kupfer-64 zur hochpräzisen Diagnose im PET-Scanner einsetzen, bekämpft Kupfer-67 direkt den Tumor. Um zu verhindern, dass die radioaktiven Kupferteilchen im Körper freigesetzt werden und gesundes Gewebe schädigen, nutzt die Wissenschaft eine patentierte molekulare Käfig-Technologie, das sogenannte Sarkophagin (SAR). Dieser molekulare Käfig umschließt das Kupfer-Isotop extrem stabil und transportiert es sicher direkt zur Krebszelle, wodurch kaum Kupfer in den Körper entweicht.

  • Neue biologische Zielstrukturen jenseits von PSMA: Wenn ein Prostatakarzinom keine PSMA-Andockstellen besitzt, blieben Patienten von dieser Therapieform bisher ausgeschlossen. Die Forschung erschließt daher rasant neue Zielmoleküle auf der Krebszelloberfläche. Das Protein hK2 (Humanes Kallikrein 2) dient hierbei als hochspannendes neues Ziel, da Prostatakrebszellen dieses Eiweiß in extrem hoher Dichte tragen, es auf gesundem Gewebe jedoch kaum vorkommt. Das innovative Medikament JNJ-6420 koppelt einen Antikörper gegen hK2 mit dem Alpha-Strahler Actinium-225 und erzielt so Behandlungserfolge unabhängig vom PSMA-Status des Patienten. Weitere vielversprechende Zielstrukturen, die sich aktuell in der klinischen Erprobung befinden, umfassen das Eiweiß STEAP1 (Six-Transmembrane Epithelial Antigen of the Prostate 1) – beispielsweise über den Wirkstoff ABBV-969 –, den Rezeptor GRPR (Gastrin-Releasing Peptide Receptor) sowie das Protein FAP (Fibroblasten-Aktivierungs-Protein).


Zusätzlich verändern Mediziner die zeitliche Abfolge der Therapie grundlegend. Statt die RLT erst als allerletzten Behandlungsversuch bei weit fortgeschrittener Erkrankung einzusetzen, rückt sie in aktuellen klinischen Studien immer weiter nach vorne im Behandlungsverlauf. Innovative Konzepte untersuchen ihren Nutzen beispielsweise direkt bei der Erstdiagnose von Metastasen oder sogar im Rahmen einer neoadjuvanten Therapie (vorbereitenden Behandlung) – wie im Projekt LuTectomy –, um den Tumor vor einer geplanten chirurgischen Entfernung der Prostata maximal zu verkleinern.


Innovative radioaktive Strahler


  • Lutetium-177: Ein bewährter Beta-Strahler mit einer Reichweite von einigen Millimetern im Gewebe, der sich hervorragend für die Bekämpfung größerer Tumorherde eignet, da er auch benachbarte Zellen ohne direkte Andockstelle mitbestrahlt.

  • Actinium-225: Ein hochenergetischer Alpha-Strahler, der seine enorme biologische Zerstörungskraft auf einer ultrakurzen Strecke von nur wenigen Zelldurchmessern entfaltet und so schwerste Erbgutschäden in Krebszellen verursacht, während er gesundes Gewebe schont.

  • Blei-212: Ein hocheffizienter Alpha-Strahler, der im Körper als Generator für das extrem zytotoxische Tochterelement Wismut-212 dient und dank einer praktischen Halbwertszeit von 10,6 Stunden eine einfache Handhabung in Kliniken ermöglicht.

  • Terbium-161: Ein hochpräziser Kombinationsstrahler, der neben Beta-Strahlen auch ultrakurze Auger- und Konversionselektronen aussendet, um mikroskopisch kleine Krebsherde direkt im Zellkern zu attackieren.

  • Kupfer-67: Ein moderner, kurzreichweitiger Beta-Strahler mit einer Halbwertszeit von 61,8 Stunden, der dank einer stabilen Käfigstruktur sicher transportiert wird und hocheffektiv gegen solide Tumoren wirkt.



Neuartige biologische Zielstrukturen


  • PSMA (Prostataspezifisches Membranantigen): Das am weitesten erforschte Oberflächeneiweiß auf Prostatakrebszellen, das als klassische Eintrittspforte für nuklearmedizinische Radioligandentherapien dient.

  • hK2 (Humanes Kallikrein 2): Ein Eiweißmolekül, das Prostatakrebszellen in extrem hoher Dichte tragen und das eine hervorragende, PSMA-unabhängige Zielstruktur für theranostische Medikamente darstellt.

  • STEAP1 (Six-Transmembrane Epithelial Antigen of the Prostate 1): Ein Oberflächeneiweiß, das auf Prostatakrebszellen übermäßig stark vorkommt und sich aktuell intensiv in der Erprobung als alternativer Angriffspunkt befindet.

  • GRPR (Gastrin-Releasing Peptide Receptor): Ein biologischer Rezeptor auf der Zelloberfläche, der als hocheffiziente Eintrittspforte für innovative Radioliganden genutzt werden kann.

  • FAP (Fibroblasten-Aktivierungs-Protein): Ein spezielles Eiweiß im Bindegewebe der Tumorumgebung, das neue therapeutische Wege zur Zerstörung des Tumors und seiner schützenden Umgebung eröffnet.




Der aktuelle Studienstand:

Die onkologische Forschungslandschaft der vergangenen drei Jahre (2023 bis 2026) lieferte bahnbrechende klinische Daten, welche die hohe Wirksamkeit dieser neuartigen Therapien untermauern. Die Studien untersuchten primär das radiologische progressionsfreie Überleben, die Senkung des PSA-Werts im Blut sowie die Erhaltung der Lebensqualität der Patienten.


  • Die PSMAfore-Studie (Phase III): Diese Studie untersuchte den etablierten Beta-Strahler Lutetium-177-PSMA-617 bei Patienten mit einem mCRPC (metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom), die noch keine Chemotherapie erhalten hatten und bei denen eine vorherige Hormontherapie versagte.

    • Worauf wurde getestet: Die Studie prüfte die Wirksamkeit hinsichtlich des Aufhaltens des Tumorwachstums, der Senkung des PSA-Werts sowie der Erhaltung der Lebensqualität.

    • Therapieeffekt: Das Medikament verlängerte die Zeit bis zu einem sichtbaren Fortschreiten der Erkrankung im Vergleich zu einem erneuten Wechsel der Hormontherapie signifikant. Das mediane rPFS (radiografisch progressionsfreies Überleben) betrug unter Lutetium-177-PSMA-617 stolze 12,02 Monate, während der Hormonwechsel lediglich eine Phase von 5,59 Monaten ohne Tumorwachstum erreichte. Über die Hälfte der Patienten (57,6 %) verzeichnete eine deutliche Senkung des PSA-Werts um mindestens die Hälfte, verglichen mit nur 20,4 % in der Kontrollgruppe. Zudem bewahrte die RLT die Lebensqualität der Patienten spürbar länger vor einer Verschlechterung (7,46 Monate versus 4,27 Monate im Fragebogen FACT-P).

    • Gesamtüberleben (OS): Das direkt gemessene mediane OS (Gesamtüberleben) betrug 24,5 Monate (2 Jahre und 1 Monat) mit Lutetium-177-PSMA-617 gegenüber 23,1 Monaten (1 Jahr und 11 Monate) in der Kontrollgruppe. Dieses scheinbar ähnliche Ergebnis beruht jedoch auf einem ethisch unverzichtbaren Studiendetail: Die Studienleiter erlaubten 84,2 % der Patienten aus der Kontrollgruppe nach dem Fortschreiten ihrer Erkrankung den Wechsel in die Lutetium-Behandlung (Crossover). Rechnet man diesen verfälschenden Effekt statistisch heraus, zeigt sich ein hochsignifikanter Überlebensvorteil für die RLT mit einer Risikoreduktion von 41 % (Hazard Ratio von 0,59). Das Medikament erhielt im März 2025 die offizielle Zulassung durch die US-Behörde FDA für diese Patientengruppe; eine Zulassung durch die europäische EMA steht aktuell noch aus.

  • Die PSMAddition-Studie (Phase III): Diese Studie testete Lutetium-177-PSMA-617 erstmals bei Patienten mit einem mHSPC (metastasiertes hormonsensitives Prostatakarzinom).

    • Worauf wurde getestet: Die Studie untersuchte das rPFS durch die frühe Hinzunahme der RLT zu einer Kombination aus klassischem Hormonentzug und einem modernen Hormonmedikament.

    • Therapieeffekt: Die Kombinationstherapie senkte das Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung oder den Tod im Vergleich zur reinen Standardtherapie signifikant um 28 % (Hazard Ratio 0,72). Das mediane rPFS haben die Forscher in beiden Gruppen noch nicht erreicht, weshalb hierzu aktuell keine Daten vorhanden sind.

    • Gesamtüberleben (OS): Die Daten zum Gesamtüberleben gelten zum aktuellen Zeitpunkt noch als unreif (Datenreife liegt erst bei 47,3 %), weshalb noch keine reifen Daten zum Gesamtüberleben in Jahren und Monaten vorhanden sind. In der Onkologie bedeutet "unreif", dass zum Zeitpunkt der Analyse noch zu wenige Todesfälle in den Studiengruppen aufgetreten sind, um eine mathematisch präzise Aussage über den tatsächlichen Überlebensvorteil zu treffen. Dennoch zeichnet sich bereits ein klarer positiver Trend ab.

  • Die SPLASH-Studie (Phase III): Hier untersuchten Forscher das Lutetium-basierte Medikament Lutetium-177-PNT2002 bei Patienten mit mCRPC nach Versagen einer Hormontherapie.

    • Worauf wurde getestet: Getestet wurde primär das radiologische progressionsfreie Überleben sowie die Lebensqualität und die Schmerzkontrolle.

    • Therapieeffekt: PNT2002 steigerte das progressionsfreie Überleben statistisch hochsignifikant von 6,0 Monaten auf 9,5 Monate. Eine PSA-Halbierung erreichten 36 % der Behandelten im Vergleich zu 15 % unter einem Hormonwechsel. Zudem zögerte das Präparat die Verschlechterung der Lebensqualität und den Bedarf an starken Schmerzmitteln (Opioiden) im Vergleich zur Kontrolltherapie deutlich hinaus.

    • Gesamtüberleben (OS): Das unbereinigte Gesamtüberleben lag bei 20,8 Monaten (1 Jahr und 9 Monate) im PNT2002-Arm, während der Wert im Kontroll-Arm aufgrund des Crossovers statistisch nicht bestimmbar war. Auch in dieser Studie maskierte eine extrem hohe Wechselrate von 85 % den tatsächlichen Überlebensvorteil. Die statistisch korrigierte Analyse offenbarte jedoch eine klare Lebensverlängerung (Hazard Ratio 0,68).

  • Die ECLIPSE-Studie (Phase III): Diese Studie evaluierte das Präparat Lutetium-177-PSMA-I&T bei chemotherapiereinen Patienten mit mCRPC.

    • Worauf wurde getestet: Die Studie prüfte die Wirksamkeit hinsichtlich des progressionsfreien Überlebens und der Senkung des PSA-Werts.

    • Therapieeffekt: Die Gabe von Lutetium-177-PSMA-I&T verlängerte das rPFS im Vergleich zu einer geänderten Hormontherapie klinisch bedeutsam und hochsignifikanter.

    • Gesamtüberleben (OS): Daten zum Gesamtüberleben sind für diese Studie derzeit noch unreif, weshalb aktuell keine reifen Daten vorhanden sind; die endgültige Fertigstellung der Studie wird für Februar 2029 erwartet.


  • Die SECuRE-Studie (Phase I/IIa): Diese hochinnovative Studie untersucht das therapeutische Medikament Kupfer-67-SAR-bisPSMA bei Patienten mit metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakarzinom (mCRPC).

      • Worauf wurde getestet: Die Studie prüft die Sicherheit, die Verträglichkeit sowie die Wirksamkeit (Schrumpfung von Knochen- und Weichteilmetastasen, Senkung des PSA-Werts) bei Patienten, die zuvor auf moderne Hormonmedikamente (ARPI) nicht mehr ansprachen.

      • Therapieeffekt: Erste Auswertungen belegen ein exzellentes Ansprechen. Über alle Dosierungskohorten hinweg sank der PSA-Wert bei 73 % der Patienten, wobei fast die Hälfte (45 %) eine Senkung um mindestens 50 % verzeichnete. In der speziellen Dosis-Expansionskohorte erreichten sogar 66,7 % der Patienten eine PSA-Halbierung und jeder dritte Patient (33,3 %) eine massive PSA-Senkung von mindestens 80 %. Ein Patient mit ausgeprägten Knochenmetastasen erreichte nach der Therapie sogar nicht mehr nachweisbare PSA-Werte, wobei in der Kontroll-Bildgebung (CT und Knochenscan) keinerlei Metastasen mehr nachweisbar waren – bei gleichzeitig hervorragender Lebensqualität. Aufgrund dieser überragenden Ergebnisse erteilte die US-Zulassungsbehörde FDA dem Wirkstoff im Februar 2025 die begehrte "Fast Track Designation". Die Verträglichkeit war hervorragend: Die meisten Nebenwirkungen waren mild (Grad 1 oder 2), am häufigsten traten vorübergehende Übelkeit, ein vorübergehender Mangel an weißen Blutkörperchen (Lymphopenie) und leichte Mundtrockenheit (33,3 % Grad 1) auf.

      • Gesamtüberleben (OS): Da es sich um eine laufende Phase-I/IIa-Studie handelt (deren endgültige Ergebnisse für September 2026 erwartet werden), sind zum aktuellen Zeitpunkt noch keine reifen Daten zum Gesamtüberleben vorhanden.

  • Ergebnisse innovativer Alpha-Strahler und neuer Zielstrukturen (Phase I/II):

    • Die PAnTHA-Studie: Die Erprobung des hocheffektiven Alpha-Strahlers 225Ac-PSMA-Trillium bei schwer vorbehandelten Patienten erbrachte hervorragende Ergebnisse. Bei einer Dosierung von 125 kBq/kg erreichten unglaubliche 83 % der schwerkranken Patienten eine PSA-Senkung um mindestens die Hälfte und 67 % sogar einen fast vollständigen PSA-Abfall um 90 %. Nahezu drei Viertel der Patienten (71 %) zeigten eine stabile Krankheitskontrolle. Daten zum Gesamtüberleben sind aufgrund des frühen Studienphasen-Stadiums für diese Dosierung noch nicht vorhanden. Eine retrospektive Auswertung von 488 austherapierten Männern, die Actinium-225-PSMA als letzten Behandlungsversuch erhielten, zeigte jedoch bereits ein beachtliches medianes Gesamtüberleben von 15,5 Monaten (1 Jahr und 3 bis 4 Monate).

    • Die ProTACT-Studie: Erste Daten zum neuen Alpha-Wirkstoff [225Ac]Ac-FL-020 (ASCO 2026) zeigen, dass die neuartige chemische Struktur die Speicheldrüsen und Nieren schont, während sie gleichzeitig starke PSA-Senkungen bei schwer vorbehandelten Patienten erzielt. Reife Überlebensdaten sind für diesen neuen Wirkstoff noch nicht vorhanden.

    • JNJ-6420 (hK2-Antikörper): Diese völlig neue Therapieklasse, die nicht das PSMA-Eiweiß, sondern das Protein hK2 attackiert, erzielte bei schwerst vorbehandelten Krebspatienten tiefe und lang anhaltende Behandlungserfolge. Fast die Hälfte der Patienten (45,6 %) verzeichnete eine PSA-Halbierung; einige Betroffene profitierten über fast zwei Jahre hinweg von einer einzigen oder nur zwei Dosen des Medikaments. Daten zum medianen Gesamtüberleben sind für dieses innovative Präparat noch nicht vorhanden.



Wichtig für den Patienten:

Trotz der beeindruckenden medizinischen Erfolge müssen Patienten und Ärzte die potenziellen Begleiterscheinungen dieser hochwirksamen Therapien realistisch im Blick behalten. Die S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen liefert hierzu wertvolle, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen, um Nebenwirkungen effektiv zu begegnen und das Wohlbefinden im Alltag bestmöglich zu sichern.

Die mit Abstand häufigste und für Patienten oft belastendste Nebenwirkung der PSMA-gerichteten Therapien betrifft die Mundhöhle. Da auch die gesunden Speicheldrüsen des Menschen geringe Mengen des PSMA-Eiweißes auf ihrer Oberfläche tragen, nehmen sie die radioaktiven Wirkstoffe ungewollt auf und entzünden sich. Dies führt zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Xerostomie (Mundtrockenheit): Ein Feuchtigkeitsmangel der Mundschleimhaut durch eine Schädigung der Speicheldrüsen.. Ein chronischer Speichelflussmangel erschwert nicht nur das Kauen, Schlucken und Sprechen erheblich, sondern erhöht auch das Risiko für schmerzhafte Pilzinfektionen und aggressiven Zahnkaries dramatisch.

Basierend auf den deutschen Onkologischen Leitlinien zur Supportiv-, Komplementär- und Palliativmedizin helfen folgende Maßnahmen aktiv dabei, diese Beschwerden zu lindern:


  • Den natürlichen Speichelfluss stimulieren: Betroffene sollten regelmäßig zuckerfreie Kaugummis (bevorzugt mit dem karieshemmenden Süßstoff Xylit) kauen oder saure, zuckerfreie Zitronenbonbons lutschen, da dies die verbliebene Speichelproduktion intensiv anregt. Bei nachgewiesener Restfunktion der Speicheldrüsen kann der Arzt zudem den Wirkstoff Pilocarpin zur Anregung des Speichelflusses verschreiben.

  • Gezielte Befeuchtung der Schleimhäute: Das schluckweise Trinken von kaltem Wasser oder zuckerfreien Kräuter- und Früchtetees spült die Mundhöhle regelmäßig durch. Als besonders wohltuend empfinden viele Patienten das Lutschen von gefrorenen Obststücken (beispielsweise Ananas) oder mildem Speiseeis, wie es auch die S3-Leitlinie Palliativmedizin empfiehlt. Bereits das einfache Befeuchten der Lippen verringert das Trockenheitsgefühl im Mund spürbar.

  • Künstlicher Speichel aus der Apotheke: Medizinische Speichelersatzmittel in Form von Sprays oder Gelen ahmen die Konsistenz des natürlichen Speichels nach. Der behandelnde Arzt kann diese Präparate bei einer therapiebedingten Mundtrockenheit auf Kassenrezept verordnen.

  • Intensiver Schutz der Zähne: Da der schützende Speichel fehlt, müssen Patienten ihre Zähne akribisch pflegen. Spezielle Zahnpflegeprodukte und Zahnreparaturpasten, die reich an Fluoriden, Calciumphosphat und Hydroxyapatit sind, mineralisieren den Zahnschmelz künstlich und beugen Karies effektiv vor.

  • Ganzheitliche Unterstützung durch Akupunktur: Die S3-Leitlinie Komplementärmedizin spricht eine klare „Kann-Empfehlung“ für den Einsatz von Akupunktur aus. Studien belegen, dass eine begleitende Akupunkturbehandlung die bestrahlungsbedingte Mundtrockenheit spürbar abschwächen kann.

  • Strenges Meiden von Reizstoffen: Betroffene müssen Alkohol und das Rauchen konsequent meiden, da Zigarettenrauch und Alkohol die Schleimhäute zusätzlich austrocknen und schädigen. Zudem rät die S3-Leitlinie Komplementärmedizin ausdrücklich davon ab, die Vitamine C und E zur Behandlung einer strahlenbedingten Mundtrockenheit zu kombinieren, da hierfür kein wissenschaftlicher Nutzen existiert und diese Kombination dem Körper schaden kann.


Neben der Mundtrockenheit belasten die Radioisotope phasenweise auch das Knochenmark, was zu einer verminderten Bildung von roten Blutkörperchen – einer Anämie (Blutarmut): Ein Mangel an roten Blutkörperchen oder rotem Blutfarbstoff im Blut – oder Blutplättchen – einer Thrombopenie (Blutplättchenmangel): Ein Mangel an Blutplättchen, der die normale Blutgerinnung stört und das Risiko für Blutungen erhöht – führen kann. Engmaschige Blutbildkontrollen durch das Onkologenteam sichern hierbei die frühzeitige Erkennung und Behandlung. Bei völlig neuartigen Antikörper-Therapien wie JNJ-6420 müssen Mediziner zudem die Lungenfunktion im Auge behalten, da in seltenen Fällen entzündliche Lungengerüsterkrankungen auftreten können.

Aufgrund der hohen Komplexität und der Notwendigkeit einer exakten Abstimmung legt die S3-Leitlinie Prostatakarzinom verbindlich fest, dass jede RLT zwingend im Rahmen einer interdisziplinären Tumorkonferenz besprochen und freigegeben werden muss. Nur das gemeinsame Urteil von Urologen, Onkologen, Strahlentherapeuten und Nuklearmedizinern garantiert dem Patienten den optimalen und sichersten Behandlungszeitpunkt.



Fazit für Patienten & ein Ausblick auf die Zukunft

Die Radioligandentherapie hat das Behandlungskonzept des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms in den letzten Jahren grundlegend revolutioniert und wird dies in Zukunft noch intensiver tun. Aus einer einstigen „Notfalltherapie“ für austherapierte Patienten im Endstadium entwickelt sie sich rasant zu einer hocheffektiven Behandlungsoption in deutlich früheren Krankheitsphasen. Die aktuellen Studienergebnisse der Jahre 2023 bis 2026 beweisen eindrucksvoll, dass diese intelligenten, radioaktiven Medikamente das Tumorwachstum über viele Monate aufhalten, den PSA-Wert drastisch senken und schmerzfreie Lebenszeit bei guter Lebensqualität schenken.

Der Blick in die Zukunft stimmt hoffnungsvoll: Die Einführung ultrazielgenauer Alpha-Strahler wie Actinium-225 ermöglicht den erfolgreichen Kampf gegen den Krebs selbst dann, wenn klassische Therapien versagt haben. Gleichzeitig öffnet die Erschließung neuer biologischer Zielstrukturen wie hK2 oder STEAP1 die Tür für Patienten, deren Tumoren kein PSMA aufweisen und die bisher von dieser nuklearmedizinischen Präzisionswaffe ausgeschlossen waren. Neue, intelligente Verbindungsmoleküle versprechen zudem, die gefürchtete Nebenwirkung der Mundtrockenheit drastisch zu reduzieren, indem sie die Speicheldrüsen bei der Behandlung gezielt aussparen.

Da eine Krebserkrankung auch eine enorme psychische Belastung darstellt, sollten betroffene Männer die wertvollen Angebote der Psychoonkologie nutzen, um Ängste abzubauen und neue Kraft zu schöpfen. In enger Abstimmung mit einem zertifizierten Prostatakarzinomzentrum und unter Nutzung moderner supportiver Begleitmaßnahmen bietet die RLT eine reale und wissenschaftlich fundierte Perspektive auf ein langes Leben mit der Erkrankung bei hoher Lebensqualität.



„Das kleine Lexikon“ - Medizinische Begriffe einfach erklärt:

  • ADT (Androgendeprivationstherapie): Diese Therapie entzieht dem Körper männliche Hormone, um das Wachstum der Krebszellen effektiv zu stoppen.

  • Alpha-Strahler: Diese hochenergetischen radioaktiven Teilchen weisen eine sehr kurze Reichweite auf und schädigen das Erbgut von Krebszellen direkt und irreparabel.

  • Anämie: Dieser medizinische Fachbegriff beschreibt eine Blutarmut, bei der dem Körper rote Blutkörperchen oder roter Blutfarbstoff fehlen.

  • ARPI (Androgenrezeptor-Signalweg-Inhibitor): Diese modernen Hormonmedikamente blockieren die Wirkung männlicher Geschlechtshormone direkt an den Krebszellen.

  • Beta-Strahler: Diese radioaktiven Teilchen besitzen eine Reichweite von mehreren Millimetern im Gewebe und eignen sich besonders zur Bekämpfung größerer Tumorherde.

  • Crossover: Dieser Begriff bezeichnet den geplanten Wechsel von Patienten aus der Kontrollgruppe einer Studie in die aktive Behandlungsgruppe nach einem Fortschreiten der Erkrankung.

  • FAP (Fibroblasten-Aktivierungs-Protein): Dieses Eiweißmolekül kommt vermehrt im Bindegewebe von Tumoren vor und dient als neuartige Andockstelle für radiomedizinische Wirkstoffe.

  • GRPR (Gastrin-Releasing Peptide Receptor): Dieser Rezeptor auf der Oberfläche von Krebszellen fungiert als vielversprechende alternative Andockstelle für nuklearmedizinische Therapien.

  • hK2 (Humanes Kallikrein 2): Dieses Eiweißmolekül wird von Prostatakrebszellen in hoher Dichte gebildet und dient als neuartige, PSMA-unabhängige Zielstruktur für Therapien.

  • mCRPC (metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom): Dieses fortgeschrittene Krankheitsstadium beschreibt einen metastasierten Prostatakrebs, der trotz eines Hormonentzugs unaufhaltsam weiterwächst.

  • mHSPC (metastasiertes hormonsensitives Prostatakarzinom): Dieses Krankheitsstadium beschreibt einen metastasierten Prostatakrebs, der noch empfindlich auf einen Hormonentzug reagiert.

  • Neoadjuvante Therapie: Diese vorbereitende Behandlung findet vor einer geplanten Operation statt, um den Tumor im Vorfeld maximal zu verkleinern.

  • OS (Gesamtüberleben): Dieser Parameter gibt die gesamte Lebensspanne eines Patients ab dem Diagnose- oder Behandlungsbeginn in einer klinischen Studie an.

  • PSMA (Prostataspezifisches Membranantigen): Dieses Eiweißmolekül sitzt vermehrt auf der Oberfläche von Prostatakrebszellen und dient als präzise Andockstelle für moderne Krebsmedikamente.

  • Radioligandentherapie (RLT): Diese zielgerichtete Behandlungsmethode transportiert radioaktive Substanzen direkt an die Krebszellen, um diese gezielt von innen heraus zu bestrahlen.

  • rPFS (radiografisch progressionsfreies Überleben): Dieser Wert beschreibt den Zeitraum, in dem eine Krebserkrankung laut bildgebenden Verfahren stabil bleibt und nicht fortschreitet.

  • STEAP1: Dieses Oberflächenprotein auf Prostatakrebszellen dient als innovative Zielstruktur für neuartige therapeutische Radioliganden.

  • Theranostik: Dieser Begriff beschreibt die enge Verknüpfung von präziser nuklearmedizinischer Diagnostik und zielgerichteter Therapie am Patienten.

  • Thrombopenie: Diese Nebenwirkung beschreibt einen Mangel an Blutplättchen im Blut, der die normale Blutgerinnung beeinträchtigt.

  • Tumorkonferenz: Dieses interdisziplinäre Gremium aus verschiedenen medizinischen Fachrichtungen legt für jeden Krebspatienten die individuell beste Therapie fest.

  • Xerostomie: Dieser medizinische Fachbegriff beschreibt eine ausgeprägte Mundtrockenheit infolge einer verminderten Speichelproduktion.




Stand: 06/2026

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