Kontinuierliche ADT (cADT) vs. Intermittierende ADT (iADT)
Dauerhafte Androgendeprivation (cADT)
im Vergleich zur
Androgendeprivation mit mit Unterbrechungen (iADT) beim Prostatakarzinom
Die Entscheidung zwischen dauerhafter (kontinuierlicher) und intermittierender (mit Unterbrechungen) Androgendeprivationstherapie (ADT) beim Prostatakarzinom ist ein wichtiger Aspekt der Behandlungsstrategie, der individuell mit dem Urologen abgestimmt werden muss.
Beide Methoden verfolgen das Ziel, das Wachstum der Krebszellen durch Senkung des Testosteronspiegels zu hemmen.
Merke:
iADT = IAD
cADT = KAD
Intermittierende versus kontinuierliche Androgendeprivation beim Prostatakarzinom: Strategische Therapiepausen für mehr Lebensqualität
Die Diagnose eines fortgeschrittenen Prostatakarzinoms verändert das Leben eines Mannes und seiner Angehörigen von Grund auf. In einer Situation, in der eine vollständige Heilung durch Operation oder Bestrahlung oft nicht mehr das primäre Ziel ist, rückt eine andere Priorität in den Mittelpunkt: die Kontrolle der Erkrankung über einen möglichst langen Zeitraum bei gleichzeitig bestmöglicher Lebensqualität. Seit Jahrzehnten bildet die ADT (Androgendeprivationstherapie): Ein Entzug von männlichen Hormonen, um das Wachstum der Krebszellen zu stoppen, das stabile Fundament der Behandlung. Das Prinzip ist biologisch bestechend einfach: Prostatakrebszellen sind in der Regel „testosteronabhängig“. Das männliche Geschlechtshormon wirkt wie ein Treibstoff für den Tumor. Entzieht man diesen Treibstoff, stellt der Krebs sein Wachstum ein, Metastasen schrumpfen und der PSA-Wert sinkt drastisch.
Doch dieser medizinische Erfolg hat eine Kehrseite, die viele Patienten im Alltag schwer belastet. Der Hormonentzug greift tief in das Wesen der Männlichkeit und den gesamten Stoffwechsel ein. Viele Männer berichten von Hitzewallungen, die denen weiblicher Wechseljahre gleichen, von einem massiven Verlust der Libido, von nächtlichen Schweißausbrüchen und einer schleichenden Gewichtszunahme bei gleichzeitigem Abbau der Muskelmasse. Diese Nebenwirkungen sind kein bloßes Ärgernis; sie können die Identität, die Partnerschaft und die allgemeine Lebensfreude über Jahre hinweg überschatten. Hier stellt sich die entscheidende Frage: Muss die Therapie wirklich ununterbrochen und lebenslang durchgeführt werden?
Genau an diesem Punkt setzt das Konzept der IAD (Intermittierende Androgendeprivation):
Eine Hormontherapie, bei der sich Behandlungsphasen und geplante Pausen abwechseln, an. Die Idee dahinter ist so einleuchtend wie strategisch klug: Wenn der Krebs durch die Medikamente erfolgreich zurückgedrängt wurde und der PSA-Wert einen sehr niedrigen Bereich erreicht hat, pausiert man die Behandlung. In dieser therapiefreien Zeit kann sich der Körper regenerieren, der Testosteronspiegel steigt langsam wieder an und viele Nebenwirkungen bilden sich zurück. Erst wenn der Tumor wieder Aktivität zeigt – erkennbar an einem steigenden PSA-Wert –, wird die Therapie erneut aufgenommen.
Wir blicken gemeinsam auf die biologischen Hintergründe, die neuesten Studienergebnisse der großen Krebskongresse wie ASCO und ESMO sowie die aktuellen Empfehlungen der deutschen S3-Leitlinien. Ziel ist es, Ihnen eine ehrliche und realistische Orientierungshilfe zu geben, damit Sie gemeinsam mit Ihrem Urologen oder Onkologen die für Ihre persönliche Situation beste Entscheidung treffen können. Denn in der modernen Onkologie geht es nicht mehr nur darum, dem Leben Jahre zu geben, sondern vor allem darum, den gewonnenen Jahren echtes Leben zu geben.
Die strategische Pause – Biologische Mechanismen und Behandlungsmodelle
Um zu verstehen, warum eine Therapiepause überhaupt möglich ist, müssen wir einen Blick auf die Zellbiologie des Prostatakarzinoms werfen. Der Tumor besteht nicht aus einer einheitlichen Masse identischer Zellen, sondern ist eine hochkomplexe Mischung verschiedener Zelltypen. Einige Zellen reagieren extrem empfindlich auf den Entzug von Testosteron und sterben rasch ab (Apoptose). Andere Zellen gehen lediglich in einen Ruhezustand über, sie „schlafen“ sozusagen, solange kein Hormonnachschub vorhanden ist.
In der klassischen Dauertherapie, der KAD (Kontinuierliche Androgendeprivation):
Die dauerhafte und ununterbrochene Unterdrückung der männlichen Hormone, wird der Druck auf den Tumor ohne Unterlass aufrechterhalten. Das Ziel ist die maximale Unterdrückung. Theoretisch könnte dies jedoch dazu führen, dass überlebende Zellen schneller resistent werden, da sie gezwungen sind, sich an die extremen Bedingungen ohne Hormone anzupassen. Die intermittierende Therapie verfolgt hier einen anderen Ansatz. Durch die Pausen hofft man, die Empfindlichkeit der Krebszellen gegenüber den Medikamenten länger zu erhalten, da der Selektionsdruck zeitweise nachlässt.
Der Ablauf einer intermittierenden Therapie folgt einem präzisen Muster, das in den Leitlinien klar definiert ist:
Induktionsphase (Die Einleitungsphase): Jede Behandlung beginnt mit einer kontinuierlichen Phase, die meist sechs bis neun Monate dauert. In dieser Zeit kommen Medikamente wie GnRH-Analoga oder Antagonisten zum Einsatz. Das Ziel ist es, den Krebs maximal zurückzudrängen.
PSA-Nadir (Der tiefste PSA-Wert): Während der Induktionsphase beobachten Arzt und Patient den PSA-Wert sehr genau. Nur wenn dieser Wert sehr tief absinkt, gilt der Patient als geeigneter Kandidat für eine Pause. Die Leitlinien definieren hier klare Grenzwerte: Bei Patienten nach einer Operation oder Bestrahlung sollte der Wert unter 0,5 ng/ml liegen; bei Patienten mit Metastasen fordern Experten oft Werte unter 0,2 ng/ml.
Therapiepause (Die Erholungsphase): Wird der PSA-Nadir erreicht, setzt der Arzt die Medikamente ab. Nun beginnt die Zeit, in der das körpereigene Testosteron langsam wieder ansteigt. Wissenschaftler stellten fest, dass diese Erholung oft Monate dauern kann. In dieser Zeit berichten Patienten von einer deutlichen Verbesserung ihrer körperlichen und psychischen Verfassung.
PSA-Trigger (Der Startschuss für den Neustart): Während der Pause wird der PSA-Wert engmaschig kontrolliert, meist alle drei Monate. Die Therapie wird erst dann wieder aufgenommen, wenn der PSA-Wert einen vorher festgelegten Schwellenwert überschreitet. Bei Patienten ohne Fernmetastasen liegt dieser Wert oft bei 4,0 bis 10,0 ng/ml. Bei Patienten mit Metastasen wird meist gewartet, bis der Wert auf 10 bis 20 ng/ml angestiegen ist, sofern keine körperlichen Beschwerden auftreten.
Die Entscheidung für eine intermittierende Therapie ist jedoch kein automatischer Prozess. Die aktuelle S3-Leitlinie betont, dass der Patient gut informiert sein muss und eine hohe Zuverlässigkeit (Compliance) bei den Kontrollterminen zeigen sollte. Nicht für jedes Krankheitsstadium ist die IAD gleichermaßen geeignet. Während bei Männern, deren PSA-Wert nach einer Operation oder Bestrahlung lediglich wieder ansteigt (biochemisches Rezidiv), die Gleichwertigkeit der IAD zur Dauertherapie gut belegt ist, zeigt sich in der metastasierten Situation ein differenzierteres Bild.
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Testosteron-Erholung während der Pause. Bei älteren Patienten oder nach sehr langer Behandlungsdauer kann es vorkommen, dass der Körper die Hormonproduktion nicht mehr in ausreichendem Maße hochfährt. In diesem Fall profitiert der Patient kaum von der Pause, da der Hormonspiegel niedrig bleibt, während der PSA-Wert dennoch steigen kann. Daher empfehlen Experten, während der Pause nicht nur den PSA-Wert, sondern auch den Testosteronspiegel regelmäßig zu messen.
Zusätzlich zu den medizinischen Faktoren spielt die psychologische Komponente eine große Rolle. Manche Patienten empfinden die Pause als große Erleichterung und genießen die wiedergewonnene Lebensqualität. Andere wiederum verspüren eine ständige Angst vor dem nächsten PSA-Test und fühlen sich mit einer kontinuierlichen Behandlung sicherer. Die moderne Onkologie berücksichtigt diese Patientenpräferenzen heute stärker denn je.
Der aktuelle Studienstand: Erkenntnisse der letzten 3 Jahre (2023-2026)
In den vergangenen drei Jahren wurde die Therapielandschaft beim Prostatakarzinom durch bedeutende Studienergebnisse neu geordnet. Vor allem die Kombination der klassischen ADT mit neuen, hochwirksamen Substanzen hat die Überlebenszeiten massiv verbessert. Diese Entwicklung hat auch die Diskussion um die intermittierende Therapie beeinflusst, da man nun untersucht, ob auch diese intensiveren Kombinationen pausiert werden können.
Die wichtigsten klinischen Ergebnisse der letzten 36 Monate lassen sich wie folgt zusammenfassen:
EMBARK-Studie (Update 2025/2026): Diese groß angelegte Phase-III-Studie untersuchte Patienten mit einem Hochrisiko-biochemischen Rezidiv (PSA-Verdopplungszeit ≤ 9 Monate). Es wurde getestet, ob die Kombination aus Enzalutamid und ADT dem bisherigen Standard überlegen ist. Die Ergebnisse sind bahnbrechend: Die Kombination senkte das Risiko für Fernmetastasen oder Tod um 58 %. Das OS (Overall Survival): Das Gesamtüberleben, also die Zeitspanne von der Diagnose oder dem Studienstart bis zum Tod, nach 8 Jahren lag bei 78,9 % in der Kombinationsgruppe gegenüber 69,5 % in der Gruppe mit alleiniger Hormontherapie (Hazard Ratio 0,60, P < 0,001). Besonders relevant für unser Thema: In dieser Studie durften Patienten die Therapie pausieren, wenn ihr PSA-Wert nach 36 Wochen unter 0,2 ng/ml lag. Die Daten zeigen, dass eine zeitweise Pause innerhalb eines hochwirksamen Regimes bei exzellentem Ansprechen sicher sein kann.
LIBERTAS-Studie (Aktuelle Daten 2024/2025): Dies ist die erste Phase-III-Studie, die gezielt die Kombination aus Apalutamid plus intermittierender ADT gegenüber der kontinuierlichen Gabe bei Patienten mit metastasiertem, hormonsensitivem Prostatakarzinom (mHSPC) untersucht. Das Ziel war die Senkung der Belastung durch Hitzewallungen bei gleichzeitiger Erhaltung der Tumorkontrolle. Erste Ergebnisse der Einleitungsphase zeigten, dass 70,3 % der Patienten einen tiefen PSA-Wert von unter 0,2 ng/ml erreichten. Die Daten zum Gesamtüberleben sind zum jetzigen Zeitpunkt noch „unreif“ (not mature). Das bedeutet, dass noch nicht genügend Todesfälle in den Studiengruppen eingetreten sind, um eine endgültige statistische Aussage über das Überleben zu treffen. Dennoch zeigt die Studie bereits jetzt, dass ein tiefes Ansprechen (Deep PSA Response) die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Pause ist.
ARANOTE-Studie (2025): In dieser Phase-III-Studie wurde die Zugabe von Darolutamid zur ADT bei metastasiertem Krebs getestet. Die Ergebnisse belegten eine signifikante Verbesserung des radiologischen progressionsfreien Überlebens (rPFS). Das mediane rPFS wurde in der Darolutamid-Gruppe noch nicht erreicht, während es in der Kontrollgruppe bei etwa 25 Monaten lag. Auch hier sind die Daten zum Gesamtüberleben noch unreif, weisen jedoch einen Trend zugunsten der intensivierten Therapie auf.
PATCH/STAMPEDE-1 (Update 2026): Eine britische Phase-III-Studie untersuchte den Einsatz von Östrogen-Pflastern anstelle der klassischen LHRH-Spritzen. Die Forscher fanden heraus, dass die Pflaster in Bezug auf das metastasenfreie Überleben nicht unterlegen sind. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für Patienten, die die Nebenwirkungen der Spritzen (wie Osteoporose) umgehen möchten, wobei Östrogen-Pflaster andere Risiken wie Brustwachstum mit sich bringen.
Oxybutynin bei ADT-Nebenwirkungen (Februar 2026): Eine wichtige supportive Studie zeigte, dass das Medikament Oxybutynin (eigentlich gegen Reizblase) die Häufigkeit und Schwere von Hitzewallungen bei Männern unter Hormontherapie deutlich senken kann. 79 % der Patienten in der 5-mg-Gruppe erreichten eine Halbierung ihrer Beschwerden. Dies ist eine wertvolle Information für Patienten, die keine Therapiepause einlegen können, aber unter starken Nebenwirkungen leiden.
Meta-Analyse zum PSA-Ansprechen (2025): Eine umfassende Analyse von über 8.000 Patienten bestätigte, dass das Erreichen eines PSA-Werts von unter 0,2 ng/ml innerhalb der ersten 24 Wochen der stärkste Prädiktor für ein langes Überleben ist. Patienten, die diesen Wert erreichen, haben ein um 67 % reduziertes Sterberisiko (HR 0,33).
Die Wissenschaft spricht hier eine deutliche Sprache: Je tiefer der PSA-Wert unter der Therapie sinkt, desto besser ist die langfristige Prognose. Diese Erkenntnis festigt die Rolle des PSA-Werts als zentrales Steuerungsinstrument für die intermittierende Therapie. Gleichzeitig zeigt die EMBARK-Studie, dass die Kombinationstherapie der neue Goldstandard für viele Patienten mit hohem Risiko ist. Die Pause wird dadurch nicht obsolet, aber sie muss in einem Rahmen stattfinden, der die onkologische Sicherheit maximiert.
Wichtig für den Patienten: Nebenwirkungen und Lebensqualität managen
Die Hormontherapie ist ein Eingriff in das biologische Gleichgewicht des Mannes. Egal, ob Sie sich für eine Dauertherapie oder ein intermittierendes Modell entscheiden, das Management der Nebenwirkungen ist entscheidend für Ihr Wohlbefinden. Die modernen S3-Leitlinien zur supportiven Therapie und Komplementärmedizin geben hier wertvolle Empfehlungen, wie Sie Ihre Lebensqualität aktiv schützen können.
Folgende Bereiche sind für Sie als Patient besonders wichtig:
Körperliche Aktivität und Krafttraining: Dies ist die wichtigste Empfehlung überhaupt. Der Hormonentzug führt unweigerlich zu einem Abbau von Muskelmasse (Sarkopenie) und einer Zunahme von Körperfett. Studien zeigen, dass regelmäßiges Kraft- und Ausdauertraining diesen Prozess nicht nur verlangsamen, sondern teilweise umkehren kann. Es verbessert die Stimmung, senkt die Erschöpfung (Fatigue) und schützt das Herz.
Umgang mit Hitzewallungen: Neben dem bereits erwähnten Medikament Oxybutynin empfiehlt die Leitlinie Akupunktur als ergänzende Maßnahme. Bei etwa 41 % der Patienten konnten Hitzewallungen dadurch um mehr als die Hälfte reduziert werden. Auch das Tragen von atmungsaktiver Kleidung im Zwiebelprinzip und der Verzicht auf scharfe Gewürze oder Alkohol können helfen.
Knochengesundheit (Osteoprotektion): Da der Hormonentzug das Risiko für Osteoporose erhöht, sollten Sie auf eine ausreichende Zufuhr von Calcium und Vitamin D achten. Ihr Arzt wird zudem regelmäßig Ihre Knochendichte messen. Medikamente zum Knochenschutz (wie Bisphosphonate oder Denosumab) werden in der Regel erst eingesetzt, wenn Metastasen vorliegen oder die Knochendichte gefährlich sinkt.
Herz-Kreislauf-Vorsorge: Die ADT kann das Risiko für Diabetes und Herzinfarkte erhöhen. Achten Sie auf eine herzgesunde Ernährung, kontrollieren Sie regelmäßig Ihren Blutdruck und Ihre Blutfettwerte. Besonders die neuen Kombinationstherapien erfordern hier eine engmaschige Überwachung.
Sexualität und Partnerschaft: Es ist wichtig, ehrlich über den Verlust der Libido zu sprechen. In einer intermittierenden Therapie kehrt das sexuelle Verlangen in der Pause oft zurück, sobald das Testosteron wieder ansteigt. Für die Zeit der Behandlung gibt es medikamentöse und mechanische Hilfsmittel, die Sie mit Ihrem Urologen besprechen können. Oft hilft es auch, alternative Formen der Intimität mit der Partnerin oder dem Partner zu finden.
Psyche und soziale Unterstützung: Eine Krebsdiagnose und eine langjährige Hormontherapie können die Seele belasten. Angst vor dem nächsten PSA-Wert oder depressive Verstimmungen sind keine Seltenheit. Nutzen Sie psychoonkologische Angebote. Gespräche mit Experten oder in Selbsthilfegruppen können enorm helfen, den „Kopf über Wasser zu halten“.
Komplementäre Maßnahmen: Die S3-Leitlinie Komplementärmedizin warnt vor ungeprüften Nahrungsergänzungsmitteln, da diese die Wirkung der Krebstherapie abschwächen können. Verfahren wie Yoga, Tai-Chi oder Meditation können jedoch helfen, Stress abzubauen und die Lebensqualität zu verbessern.
Ein entscheidender Punkt für Patienten, die eine intermittierende Therapie (IAD) durchführen: Die Pause ist kein „Urlaub vom Arzt“. Die engmaschigen Kontrollen des PSA-Werts alle drei Monate sind absolut unverzichtbar. Nur so kann der richtige Zeitpunkt für den Wiederbeginn der Therapie sicher bestimmt werden. Sollten Sie in der Pause neue Beschwerden wie Knochenschmerzen bemerken, warten Sie nicht bis zum nächsten Termin, sondern suchen Sie sofort Ihren Arzt auf.
Wissenschaftler untersuchten auch die „finanzielle Toxizität“ der Behandlung. In Ländern ohne umfassendes Versicherungssystem ist die IAD oft auch eine Frage der Kostenersparnis. In Deutschland steht jedoch der medizinische Nutzen im Vordergrund. Die IAD bietet hier die Chance, die „Gesamtdosis“ an Medikamenten über die Jahre zu senken, was nicht nur den Körper schont, sondern auch das Risiko für langfristige Schäden am Herz-Kreislauf-System verringern kann.
Fazit für Patienten & ein Ausblick auf die Zukunft
Die Entscheidung zwischen einer intermittierenden und einer kontinuierlichen Hormontherapie ist heute keine Frage von „richtig“ oder „falsch“, sondern eine Frage der individuellen Anpassung. Wir wissen heute mehr denn je über die Biologie des Prostatakarzinoms und haben Werkzeuge an der Hand, um die Behandlung präzise zu steuern.
Hier eine Zusammenfassung für Sie:
Wenn Sie kein metastasiertes Stadium haben (biochemisches Rezidiv): Die intermittierende Therapie ist hier eine hervorragende und sichere Option. Sie bietet Ihnen die Chance auf lange therapiefreie Phasen mit hoher Lebensqualität, ohne dass Sie ein höheres Risiko für ein früheres Versterben eingehen. Das Erreichen eines niedrigen PSA-Werts (< 0,5 ng/ml) vor der Pause ist hier der Schlüssel zum Erfolg.
Wenn Sie Metastasen haben (mHSPC): Hier ist Vorsicht geboten. Die kontinuierliche Therapie (KAD) bleibt für viele Experten der sicherere Weg, da einige Studien einen leichten Überlebensvorteil für die Dauertherapie zeigten. Wenn Sie jedoch sehr stark unter den Nebenwirkungen leiden und Ihr PSA-Wert unter 0,2 ng/ml gesunken ist, kann eine Pause unter strenger Kontrolle in Erwägung gezogen werden. Es ist eine individuelle Abwägung zwischen maximaler Sicherheit und aktueller Lebensqualität.
Der Trend zur Intensivierung: Die neuesten Daten (wie aus der EMBARK-Studie) zeigen, dass die Kombination der ADT mit modernen Wirkstoffen wie Enzalutamid, Apalutamid oder Darolutamid die Prognose erheblich verbessert. Die Zukunft liegt in der „intelligenten Pause“ innerhalb dieser hochwirksamen Konzepte.
Der Ausblick auf die Zukunft ist vielversprechend. Die Onkologie bewegt sich weg von „Einheitslösungen“ hin zu einer personalisierten Medizin. Wir werden in den nächsten Jahren lernen, mithilfe von Biomarkern und moderner Bildgebung wie der PSMA-PET/CT (Ein bildgebendes Verfahren, das mit einer schwach radioaktiven Substanz selbst kleinste Krebsabsiedelungen sichtbar macht) noch genauer vorherzusagen, welcher Patient gefahrlos pausieren kann und wer von einer durchgehenden Therapie profitiert. Auch neue Wirkstoffe, wie gezielte Radioligandentherapien (z. B. Pluvicto), werden immer früher im Krankheitsverlauf eingesetzt und könnten die Notwendigkeit einer lebenslangen Hormonblockade verringern.
Ein Rat an Sie: Seien Sie aktiv. Fragen Sie Ihren Arzt nach Ihrem PSA-Nadir. Besprechen Sie offen Ihre Nebenwirkungen. Eine gute Lebensqualität ist kein Luxus, sondern ein wesentlicher Teil Ihres Therapieerfolgs. Die moderne Medizin gibt uns heute die Möglichkeit, den Krebs in Schach zu halten, während Sie Ihr Leben so normal wie möglich weiterführen können. Die Pause kann dabei ein wertvolles Werkzeug sein, um Körper und Seele die nötige Erholung zu gönnen.
„Das kleine Lexikon“ - Medizinische Begriffe einfach erklärt
ADT (Androgendeprivationstherapie): Ein Entzug von männlichen Hormonen, um das Wachstum der Krebszellen zu stoppen.
Antiemetika: Medikamente, die Übelkeit und Erbrechen verhindern oder lindern.
ARPI (Androgenrezeptor-Signalweg-Inhibitoren): Moderne Medikamente, die die Wirkung von Testosteron direkt an der Krebszelle blockieren.
Biochemisches Rezidiv: Ein erneuter Anstieg des PSA-Werts nach einer eigentlich erfolgreichen Erstbehandlung wie Operation oder Bestrahlung.
Bisphosphonate: Medikamente, die den Knochenabbau hemmen und bei Metastasen zum Schutz vor Brüchen eingesetzt werden.
Compliance: Die Zuverlässigkeit eines Patienten bei der Einhaltung von Behandlungsplänen und Kontrollterminen.
Deeskalation: Die gezielte Verringerung der Therapieintensität, um Nebenwirkungen zu reduzieren, ohne den Heilerfolg zu gefährden.
Fatigue: Eine krankhafte, chronische Erschöpfung, die sich nicht durch normalen Schlaf bessert.
GNRH-Agonisten: Medikamente, die die Hormonproduktion in den Hoden nach einem anfänglichen Anstieg dauerhaft unterdrücken.
GNRH-Antagonisten: Medikamente, die die Hormonproduktion in den Hoden sofort und ohne anfänglichen Hormonschub blockieren.
Gynäkomastie: Eine gutartige Vergrößerung der Brustdrüsen beim Mann, oft als Nebenwirkung einer Hormontherapie.
Hazard Ratio (HR): Ein statistischer Wert, der das Risiko eines Ereignisses in zwei Gruppen vergleicht.
IAD (Intermittierende Androgendeprivation): Eine Hormontherapie, bei der sich Behandlungsphasen und geplante Pausen abwechseln.
Induktionsphase: Die erste Phase einer intermittierenden Therapie, in der die Hormone kontinuierlich unterdrückt werden.
KAD (Kontinuierliche Androgendeprivation): Die dauerhafte und ununterbrochene Unterdrückung der männlichen Hormone.
Kastrationsresistenz (mCRPC): Ein Stadium, in dem der Krebs trotz sehr niedriger Testosteronwerte wieder zu wachsen beginnt.
Libido: Das Fachwort für das sexuelle Begehren oder die Lust auf Sex.
Metabolisches Syndrom: Eine Kombination aus Übergewicht, hohem Blutdruck sowie gestörtem Zucker- und Fettstoffwechsel.
mHSPC (Metastasiertes hormonsensitives Prostatakarzinom): Prostatakrebs, der bereits gestreut hat, aber noch gut auf einen Hormonentzug reagiert.
Nadir: Der tiefste Wert, den der PSA-Spiegel unter einer erfolgreichen Behandlung erreicht.
Nicht-Unterlegenheit (Non-inferiority): Der wissenschaftliche Nachweis, dass eine neue Behandlungsmethode nicht schlechter ist als der bisherige Standard.
OS (Overall Survival): Das Gesamtüberleben, also die Zeitspanne von der Diagnose oder dem Studienstart bis zum Tod.
Osteoporose: Eine Erkrankung, bei der die Knochen an Dichte verlieren und dadurch leichter brechen.
PSA (Prostataspezifisches Antigen): Ein Eiweißwert im Blut, der als Marker für die Aktivität von Prostatagewebe dient.
PSMA-PET/CT: Ein bildgebendes Verfahren, das mit einer schwach radioaktiven Substanz selbst kleinste Krebsabsiedelungen sichtbar macht.
Psychoonkologie: Eine Fachdisziplin, die Krebspatienten bei der seelischen Bewältigung der Krankheit unterstützt.
rPFS (Radiologisches progressionsfreies Überleben): Die Zeitspanne, in der in bildgebenden Verfahren kein neues Tumorwachstum festgestellt wird.
Supportivtherapie: Unterstützende Maßnahmen, die die Nebenwirkungen der Krebsbehandlung lindern sollen.
Unreife Daten (Not mature): Ein Begriff aus Studien, der besagt, dass noch nicht genug Zeit für eine endgültige Überlebensaussage vergangen ist.